Steuerliches Investitionssofortprogramm: Vorteile für Ingenieurbüros und Co.
Die Eurocodes der 2. Generation werden nach und nach veröffentlicht. Ingenieur Manuel Walter erklärt, was das für die Tragwerksplanung und Geotechnik bedeutet.
In aller Kürze: > Bis Herbst 2027 werden nach und nach die Eurocodes der zweiten Generation veröffentlicht, bevor sie im März 2028 verbindlich in Kraft treten. > Die neuen Eurocodes bringen zahlreiche Anpassungen an technische Entwicklungen, den Klimawandel sowie moderne Planungsmethoden mit sich. > Bemessungsgrundlagen, Teilsicherheitskonzepte und Nachweisverfahren werden in vielen Bereichen angepasst, erweitert und deutlich stärker harmonisiert. > Insbesondere die nun zweigeteilte Basisnorm EN 1990 sowie der deutlich erweiterte Eurocode 2 werden sich stark auf die Tragwerksplanung auswirken. > In der Geotechnik verändern sich die Anforderungen unter anderem durch einen erweiterten Eurocode 7 sowie ein normativ verankertes Verfahren für Tragfähigkeitsnachweise mit numerischen Modellen. > Planungsbüros sollten noch in der Koexistenzphase die Umstellung auf die neuen Standards mittels Pilotprojekten vollziehen, solange der Umsetzungsdruck noch gering ist. |
Es ist so weit: Nach einem Jahrzehnt der Überarbeitung werden die Eurocodes der zweiten Generation endlich nach und nach veröffentlicht. Die neuen Standards bringen unter anderem zahlreiche Anpassungen an technische Entwicklungen, den Klimawandel oder auch moderne Planungsmethoden mit sich. Zugleich versprechen eine Harmonisierung und eine übersichtlichere Strukturierung der Normen eine bessere Handhabung in der Praxis. Manuel Walter, Product Manager Structural Analysis bei ALLPLAN, erklärt im Interview unter anderem, wieso die zweite EC-Generation mehr als nur ein Update ist, was sie für Tragwerksplaner:innen und Geotechniker:innen so relevant macht, welche Fristen es für die Umstellung gibt und warum Planungsbüros besser schon jetzt damit beginnen sollten.
Herr Walter, warum handelt es sich bei den Eurocodes der zweiten Generation um mehr als ein bloßes Update – und was macht diese Reform für Tragwerksplaner:innen und Geotechniker:innen so relevant?
Mit der zweiten Generation der Eurocodes ändern sich vor allem Struktur, Inhalte und Anwendungsfokus der Normen – mit direkten Folgen für Bemessung, Nachweise, Software und Haftung von Tragwerksplaner:innen und Geotechniker:innen. Relevanz entsteht vor allem deshalb, weil Bemessungsgrundlagen, Teilsicherheitskonzepte und Nachweisverfahren in vielen Bereichen angepasst, erweitert und deutlich stärker harmonisiert werden.
Ein zentrales Ziel ist die Reduzierung national festgelegter Parameter. Dadurch soll ein einheitlicheres europäisches Sicherheitsniveau entstehen und Nachweise zwischen Ländern besser vergleichbar werden. Für Planer:innen bedeutet das auf der einen Seite weniger „Norm-Switching“, auf der anderen Seite aber auch weniger Spielraum durch nationale Kalibrierungen. Hinzu kommt eine neue Struktur der Regelwerke. Inhalte werden gestrafft, Redundanzen abgebaut und Terminologie vereinheitlicht. Viele typische Nachweissituationen werden künftig durch vereinfachte Verfahren abgedeckt. Das erleichtert Standardfälle, erfordert aber gleichzeitig eine echte Umgewöhnung bei Kapitelstruktur, Verweisen und Detailregelungen.
Besonders weitreichend ist außerdem, dass neue Themenfelder in die normative Bemessung aufgenommen werden. Es entstehen eigene Regelwerke für Glasbau, atmosphärische Vereisung, Wellen- und Strömungseinwirkungen sowie für die Bewertung und Verstärkung bestehender Bauwerke. Damit wandert vieles, was bislang über Richtlinien, Merkblätter oder Erfahrungswissen geregelt war, direkt in die Eurocodes.
Gleichzeitig rücken Robustheit, Dauerhaftigkeit und Klimaresilienz deutlich stärker in den Fokus. Die Normen betrachten Bauwerke nicht mehr nur im klassischen Grenzzustandsnachweis, sondern über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg – von Entwurf und Nutzung bis hin zu Erhaltung, Verstärkung und Wiederverwendung. Für viele Büros bedeutet das einen echten Perspektivwechsel im Entwurfsprozess.
Was ändert sich konkret für Tragwerksplaner:innen und Geotechniker:innen? Welche grundlegenden Neuerungen treffen sie im Alltag besonders?
Eine Schlüsselrolle spielt die Überarbeitung der EN 1990. Die Basisnorm wird künftig zweigeteilt – in einen Teil für Neubauten und einen für den Bestand – und bezieht geotechnische Aspekte, Robustheit sowie neue Bauwerkstypen wie Türme, Silos, Tanks oder Küstenbauwerke deutlich systematischer ein. Das wirkt sich unmittelbar auf Sicherheitskonzepte, Einwirkungskombinationen und die Definition des Tragwerks aus.
Im Materialbereich wird vor allem der neue Eurocode 2 deutlich erweitert. Dort werden künftig Brücken, flüssigkeitsdichte Bauwerke, Containment-Strukturen, CFK-Verstärkungen und Stahlfaserbeton in einem Kernteil gebündelt. Gleichzeitig kommen Regeln für höhere Betonfestigkeiten, nichtrostende Bewehrung und Recyclingbeton hinzu. Tragwerksplaner:innen müssen daher Bemessungsmodelle, Detailnachweise und Materialentscheidungen neu kalibrieren – insbesondere im Brücken- und Spezialtiefbau.
Für Geotechniker:innen bringt die zweite Generation ebenfalls tiefgreifende Änderungen. Aus dem bisherigen zweiteiligen Eurocode 7 wird eine dreigeteilte Norm mit erweiterten Vorgaben zu Grundwasserständen und -drücken, Dauerhaftigkeit, Nachhaltigkeit und Robustheit. Neu ist außerdem ein normativ verankertes Verfahren für Tragfähigkeitsnachweise mit numerischen Modellen, das geotechnische FEM-Berechnungen deutlich stärker absichert. Gleichzeitig werden geotechnische Aspekte enger mit der EN 1990 verzahnt. Das zwingt Tragwerksplaner:innen und Geotechniker:innen dazu, Sicherheitsbeiwerte, Lastkombinationen und Modellannahmen künftig noch enger abzustimmen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Bestand. Die neuen Regelungen zur Bewertung, Ertüchtigung und Lebenszyklusbetrachtung gelten ausdrücklich auch für geotechnische Bauwerke wie Gründungen, Stützbauwerke oder Dämme. Damit wird der geotechnische Beitrag zu Nachrechnungen, Monitoring und Erhaltungsstrategien deutlich aufgewertet.
Wann wird die zweite Eurocode-Generation verbindlich – und wie viel Vorlauf bleibt Planer:innen realistisch, um sich darauf vorzubereiten?
Verbindlich wird die zweite Eurocode-Generation im Regelfall ab dem 30. März 2028, wenn die erste Generation europaweit zurückgezogen werden muss. Bis dahin besteht eine Koexistenzphase, in der beide Generationen parallel angewendet werden können – abhängig von nationalen Einführungs- und Übergangsregeln.
Auf europäischer Ebene gibt es dabei klare Stichtage: Spätestens im März 2026 sollen alle Teile als endgültige Texte an die nationalen Normungsinstitute ausgeliefert sein. Bis September 2027 müssen sie national veröffentlicht werden, bevor im März 2028 der formale Rückzug der alten Generation erfolgt. In Deutschland läuft die Veröffentlichung seit Herbst 2024 schrittweise und soll etwa bis Herbst 2027 abgeschlossen sein. Die bauaufsichtliche Verbindlichkeit ergibt sich dann aus Landesbauordnungen, Verwaltungsvorschriften und Übergangsfristen.
Realistisch haben Planungsbüros damit einen Vorlauf von etwa zwei bis drei Jahren, um sich fachlich, organisatorisch und softwareseitig umzustellen. Inhaltlich bietet vor allem der Zeitraum 2026 bis 2027 die Chance, Schulungen aufzubauen, interne Standards zu entwickeln und erste Musterbemessungen zu erstellen. Viele Organisationen und Softwarehersteller empfehlen deshalb, schon jetzt mit Pilotprojekten zu starten, um zum Zeitpunkt des Rückzugs der alten Generation vollständig vorbereitet zu sein.
Welche Risiken entstehen, wenn Büros zu lange mit der Umstellung auf die neuen Eurocodes warten?
Ein häufiger Irrtum ist, dass bestehende Projekte automatisch auf die neue Generation umgerechnet werden müssten. Für genehmigte Nachweise gilt das in der Regel nicht. Kritisch wird es aber bei laufenden Planungen, wenn sich während der Projektlaufzeit die maßgebliche Rechtsgrundlage ändert und Behörden plötzlich die neue Fassung verlangen. Gerade bei Brücken, Großbauten oder Spezialtiefbauprojekten mit langen Laufzeiten sollte deshalb frühzeitig vertraglich geklärt werden, welche Normgeneration geschuldet ist und welche Fassung die Genehmigungsbehörde erwartet.
Hinzu kommt das Thema Nachrechnungen und Nutzungsänderungen im Bestand. Hier ist absehbar, dass Behörden mittelfristig die zweite Generation bevorzugen werden. Alte Projektansätze lassen sich dann nicht mehr ohne Weiteres fortschreiben, was zu abweichenden Ergebnissen und zusätzlichem Aufwand führen kann. Organisatorisch riskant ist außerdem, interne Vorlagen, Standarddetails und Software zu spät anzupassen. Wer hier wartet, läuft Gefahr, Effizienz- und Haftungsprobleme zu bekommen, weil Bemessungen nicht mehr dem eingeführten Normstand entsprechen. Am Ende droht eine hektische Umstellung unter Zeitdruck – inklusive Schulungen, Softwarewechsel und Prozessanpassungen im laufenden Betrieb, statt eines planbaren Übergangs über mehrere Jahre.
Welchen Rat haben Sie für Planer:innenn, die noch zögern?
Der Umstieg lohnt sich jetzt, weil die Koexistenzphase ein begrenztes Zeitfenster bietet, in dem Büros sich ohne maximalen Druck, aber mit realen Projekten in die neuen Regeln einarbeiten können. Wer diese Jahre verstreichen lässt, muss später Software, Prozesse und Schulungen unter deutlich höherem Termin- und Wettbewerbsdruck nachholen. Neue Eurocodes sind keine kosmetische Überarbeitung. Sie bringen neue Nachweisformate, Sicherheitskonzepte und Strukturen, etwa in EC 2 und EC 7. Frühe Pilotprojekte helfen, diese Änderungen zu verstehen, Erfahrungen zu sammeln und interne Standards anzupassen, bevor Prüfer:innen oder Auftraggeber:innen die neue Generation zwingend einfordern.
Auch wirtschaftlich ist ein früher Einstieg sinnvoll: Schulungen, Software-Updates und interne Anpassungen lassen sich über mehrere Jahre verteilen, statt kurz vor dem Rückzug der alten Generation eine Kostenwelle auszulösen. Gleichzeitig sinkt das Risiko, Projekte mit Normständen zu beginnen, die während der Laufzeit auslaufen. Psychologisch ist der Effekt nicht zu unterschätzen. Wer wartet, erlebt die Umstellung als äußeren Zwang. Wer jetzt beginnt, kann selektiv starten, Fehler machen und lernen, solange die alte Generation noch als Ausweichmöglichkeit verfügbar ist – und die zweite Generation als Chance nutzen, Prozesse und Werkzeuge insgesamt zu modernisieren.




