Schilthornbahn 20XX: Großprojekt im Hochgebirge

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Beim alpinen Großprojekt Schilthornbahn 20XX ist die planerische Leistung nicht weniger spektakulär als der Ausblick vom weltberühmten Piz Gloria.

In aller Kürze:

> Die Schilthornbahn wird seit 2022 – größtenteils im laufenden Betrieb – umfassend erneuert.

> Im Rahmen des Großprojekts „Schilthornbahn 20XX“ werden alle fünf Stationen ersetzt und neue Seilbahnsysteme installiert.

> Die Bauarbeiten im Hochgebirge stellten höchste Anforderungen an Planung, Logistik und Konstruktion, insbesondere an der exponierten Gipfelstation beim Drehrestaurant Piz Gloria.

> Der reibungslose Projektverlauf beruht auf einer planerischen Meisterleistung, die ohne 3D-Planung nicht möglich gewesen wäre.


Während Luftseilbahnen wie Câble C1 in Paris gerade für den urbanen Raum als moderne Mobilitätslösung entdeckt werden, zählen sie in Gebirgsregionen schon lange zu den wichtigsten öffentlichen Verkehrsmitteln. Beliebte und touristisch bedeutende Gipfel, aber auch so manches Bergdorf wären ohne den „schwebenden“ ÖPNV nur noch zu Fuß erreichbar. Eine der wohl wichtigsten Luftseilbahnen der Schweiz ist die Schilthornbahn. Diese verbindet das Lauterbrunnental mit dem knapp 3.000 Meter hohen Gipfel des Schilthorns, wo sich das weltberühmte Drehrestaurant Piz Gloria befindet. Seit 2022 wird die in die Jahre gekommene Seilbahn umfassend erneuert – eine hochkomplexe Planungsaufgabe, die enorme Herausforderungen mit sich bringt.

Fünf Stationen und neue Seilbahnsysteme

Fünf Stationen umfasst die Schilthornbahn, ausgehend von der Talstation in Stechelberg über Gimmelwald nach Mürren und von dort über Birg zur Gipfelstation Schilthorn. Im Rahmen des Projekts „Schilthornbahn 20XX“ muss jede davon erneuert werden. Dies umfasst auch die Installation verschiedener neuer Seilbahnsysteme, die die alte Bahn ersetzen.

Ein Großteil ist bereits fertiggestellt: Zwischen Stechelberg und Mürren kommt seit Ende 2024 die steilste Pendelbahn der Welt zum Einsatz – mit einer Steigung knapp unter 160 Prozent. Etwa gleichzeitig nahm auf der Strecke zwischen Mürren und Birg das erste Funifor der Schweiz seinen Betrieb auf. Inzwischen verfügt die Verbindung über zwei parallel zueinander verlaufende Bahnen dieses besonders windstabilen Systems, die unabhängig voneinander betrieben werden können. Auch auf dem letzten Streckenabschnitt zwischen Birg und Schilthorn fährt mittlerweile die erste von zwei Funifor-Bahnen. Mit der Inbetriebnahme der zweiten Bahn soll im April 2026 das Projekt abgeschlossen werden.

Außergewöhnliche Planungsaufgabe am Piz Gloria

Dass die Ausführung dieses komplexen Bauvorhabens so weit reibungslos verlief, zeugt von einer planerischen Meisterleistung. Die zahlreichen Herausforderungen des Großprojekts reichten vom Einsatz neuer Technologien über schwierige Montagebedingungen und eingeschränkte Platzverhältnisse in exponierter Lage bis zu fordernder Logistik, alpinen Witterungsbedingungen und einer Ausführung im laufenden Bahnbetrieb. Mit der Gesamtprojektleitung und der Tragwerksplanung waren Theiler Ingenieure betraut. Der für die Statik verantwortliche Ingenieur Joel Schwab beschreibt die Eingriffe an der Bergstation mit einer Operation am offenen Herzen.

Die höchste Station – Schilthorn – steht exemplarisch für diese außergewöhnliche Planungsaufgabe. Das Schilthorn ist nicht irgendein Gipfel. Das direkt an der Station gelegene Piz Gloria bietet mit seiner rotierenden Aussichtsplattform einen spektakulären 360-Grad-Panorama-Blick auf das Berner Oberland samt Eiger, Mönch und Jungfrau. 1969 erlangte es durch den James-Bond-Film „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ zu Weltruhm und ist spätestens seitdem eines der beliebtesten Ausflugsziele der Schweiz. Entsprechend wichtig ist die Schilthornbahn als Zugang. Bis auf eine fünfmonatige Betriebspause von Restaurant und Bahn im Winter 2024/25 wurden die Bauarbeiten daher im laufenden Betrieb durchgeführt. Zugleich musste die Haustechnik in allen Bauphasen funktionstüchtig sein.

Der laufende Betrieb erforderte einen Umbau in drei Etappen (linke Seite, Mitte, rechte Seite), in denen unter anderem jeweils die Personenströme, angepasst an die Bauarbeiten, umgelenkt werden mussten. Das Material wurde größtenteils über eine Transportseilbahn mit einer Nutzlast von acht Tonnen zu den Bergbaustellen gebracht. Nur in Ausnahmefällen – wie etwa bei der Montage und Demontage der Baukräne – kam zusätzlich ein Helikopter zum Einsatz. Zur Betonproduktion vor Ort wurden jeweils in Mürren und an der Station Birg mobile Betonanlagen installiert.

Knifflige Konstruktion für achtmal höhere Zugkräfte

Das Projekt brachte auch enorme konstruktive Herausforderungen mit sich. Da die bisherige Stütze in der Seilbahnsektion Birg wegfiel, ergaben sich für die Gipfelstation insgesamt achtmal höhere Zugkräfte als bisher. Zur Ableitung der Zugkräfte wurden jeweils sechs Litzenanker pro Spur installiert. Eine Stahlkonstruktion kam aufgrund der eingeschränkten Nutzlast der Transportseilbahn nicht infrage. Die Aufnahme dieser gewaltigen Kräfte am Drehrestaurant erforderte eine besonders starke Bewehrung teils komplexer Stahlbetonbauteile wie V-Stützen mit Querträger, Anschlusssockel und Pollerwand. Zwei 14 Meter tiefe Fundationsschächte mit einem Durchmesser von drei Metern leiten die Druckkräfte in den Baugrund ab.

„Aufgabenstellungen ohne 3D-Planung nicht lösbar“

„Die komplexen Aufgabenstellungen wären ohne eine 3D-Planung und ohne ALLPLAN nicht lösbar gewesen“, resümiert Joel Schwab. In ALLPLAN wurden die bestehenden Tragstrukturen der Bergstation Piz Gloria auf Basis von Bestandsplänen, Laserscans und eines vorhandenen Modells des Drehrestaurants dreidimensional modelliert. Darauf aufbauend konnten die neuen Bauteile sowie die komplexen Bauphasen der etappierten Ausführung präzise geplant werden. Außergewöhnliche Stahlbetonbauteile wie V-Stützen mit Querträger, Anschlusssockel und Pollerwände wurden inklusive anspruchsvoller Bewehrungen vollständig in 3D modelliert. Die Einlageteile des Seilbahnbauers wurden als IFC-Daten in das Modell integriert. Die daraus abgeleiteten IFC-Modelle dienten dem Baumeister als Grundlage für eine millimetergenaue Absteckung und eine sichere Ausführung.