Erneuerung der Schopfgrabenbrücke in Miesbach: 16.000 minus eine

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Miesbach hat durch die Erneuerung der Schopfgrabenbrücke ein Brückenproblem weniger. – Ein erfolgreicher Abschluss für eine fordernde Bauaufgabe.

In aller Kürze:

> Nach rund achtmonatiger Bauzeit hat Miesbach eine neue Schopfgrabenbrücke.

> Die ilp² Ingenieure und die Stadt Miesbach planten den Ersatzneubau mit dem Anspruch, nicht nur ein Bauwerk zu ersetzen, sondern die Gesamtsituation langfristig zu verbessern.

> Ziel war ein langlebiges, hochwassersicheres Bauwerk, das sich in die bestehende Verkehrsanlage integriert – technisch robust, wirtschaftlich sinnvoll und ohne unnötige Folgelasten für die Stadt.


Angesichts rund 16.000 maroder Brücken in Deutschland dürfte in den kommenden Jahren so ziemlich jeder Ort in der Bundesrepublik sein eigenes Brückenbauprojekt haben – wenn er nicht schon jetzt mitten in einem solchen steckt. Im oberbayerischen Miesbach hat man eines davon gerade hinter sich. Nach einer achtmonatigen Baustelle samt Vollsperrung für den Autoverkehr hat die Kreisstadt inzwischen eine neue Schopfgrabenbrücke. Das kleine Stück Infrastruktur verkürzt damit den Weg von Miesbach in „die Wies“ wieder von 15 auf fünf Minuten. Dass vor allem die Anwohner:innen nun wieder aufatmen können, haben sie maßgeblich dem verantwortlichen Ingenieurbüro ilp² Ingenieure GmbH & Co. KG (und dessen Planung mit ALLPLAN) zu verdanken.

Wie viele der heute maroden kleineren Überführungen wurde die bestehende Schopfgrabenbrücke in den 1960ern als Einfeldträger in Stahlbetonbauweise erbaut. 2019 wurden an dem Ingenieurbauwerk mit einer Stützweite von 12,60 Metern im Rahmen der regelmäßigen Bauwerksuntersuchungen standsicherheitsrelevante Mängel festgestellt. Schon zwei Jahre zuvor waren im Winter die unterhalb der Brücke verlaufenden Sparten durch Eisschub beschädigt worden. In diesem Vorfall zeigte sich neben dem baulichen Zustand noch ein weiteres Problem, das nur durch einen Ersatzneubau gelöst werden konnte: Die Brücke war schlicht zu niedrig. Um die Vorgaben von einem Meter über HQ100 (statistisches hundertjährliches Hochwasserereignis) zu erfüllen, hätte sie rund 1,60 Meter höher sein müssen.

Forderndes Projekt: Weit mehr als reiner Ersatzneubau

Ziel des Projekts war es, ein möglichst wartungsarmes Bauwerk zu schaffen, das insbesondere den zukünftigen Anforderungen durch Hochwasser besser gerecht wird. Das brachte eine Reihe von Herausforderungen mit sich. Insbesondere bedurfte es einer Optimierung des Durchflussquerschnitts in Form einer Erhöhung der lichten Höhe sowie durch Ausbildung einer strömungsgünstigen Kappe auf der Oberstromseite. Dies machte zugleich eine Anpassung der örtlichen Verkehrsanlage – unter anderem an den Zufahrten der anliegenden Grundstücke – erforderlich.

Hinzu kam eine schwierige Spartenlage: Anstelle der bisher am Überbau geführten Spartentrassen sollten zwei Stromhauptleitungen, eine Gasleitung, Telekommunikationsleitungen und die Trinkwasserleitung nun unter den Widerlagern integriert werden. Auf der Miesbacher Widerlagerseite verläuft zudem der sensible Abwassersammler des Zweckverbands zur Abwasserbeseitigung im Schlierach (ZAS).

Während der Bauphase musste indes der Fußgängerverkehr mittels einer Behelfsbrücke aufrechterhalten werden. Die Ausführung erforderte zudem beidseitige Baugrubenverbauten mittels Spundwänden sowie die Berücksichtigung möglicher Hochwasserereignisse im Bauzustand.

Planung mit ALLPLAN: Von der Bestandsmodellierung bis zur 3D-Bewehrungsplanung

Der Ersatzneubau wurde entsprechend den konstruktiven Anforderungen als integrales Rahmenbauwerk in Stahlbetonbauweise mit Vouten konzipiert. Angepasst an die optimierte Gradiente der Verkehrsanlage, erfolgte die Gründung auf einem Pfahlrost aus Mikropfählen. Die neue Brücke weist nun eine Stützweite von 12,65 Metern sowie eine Breite zwischen den Geländern von 7,50 Metern auf.

Die Planung des Projekts erforderte zunächst eine Bestandsmodellierung der alten Brücke. Das Modell wurde auf Basis vorhandener Bauwerksunterlagen in ALLPLAN erstellt. Ergänzend dazu wurden die Spartenlagen durch örtliches Aufmaß erfasst und das Bestandsgelände aus den öffentlichen Geodaten der Bayerischen Vermessungsverwaltung (OPENDATA) integriert.

Die Planung des Ersatzneubaus erfolgte ebenfalls nahezu komplett in ALLPLAN. Nach Erstellung einer skizzenhaften Darstellung des geplanten Durchflussquerschnitts nach Angaben des Wasserwirtschaftsamts Rosenheim wurden mehrere Varianten und schließlich auch die Verkehrsanlage in 2D entwickelt. Baugruben und -phasen sowie die Gradiente und der Ersatzneubau wurden modelliert. Aufgrund der komplexen Bauwerksgeometrie erfolgte ebenso die Schal- und Bewehrungsplanung in 3D. Das Schal- und Bewehrungsmodell diente dabei gleichwohl als Grundlage für die Erstellung der Werkplanung.

Die durchgängige Modellierung ermöglichte es, Verkehrsführung, Sparten, Bauzustände und Hochwasserszenarien frühzeitig zusammenzudenken und Abstimmungen mit allen Beteiligten belastbar zu führen.

Schopfgrabenbrücke weder erstes noch letztes Brückenbauprojekt in Miesbach

Die Schopfgartenbrücke ist übrigens nicht die erste marode Brücke, mit der es Miesbach zu tun bekommt. 2017 wurde bereits die Johannisbrücke durch einen Ersatzneubau ersetzt. Derweil wartet die Kreisstadt aktuell noch auf Ersatz für die Steigerwegbrücke. Die hölzerne Fußgängerbrücke wurde 2024 wegen akuter Einsturzgefahr gesperrt und inzwischen abgerissen. Der geplante Neubau ist als Stahlkonstruktion geplant.